Intermedialität und Comics

Im Fokus steht heute der Text Intermediality, Transmediality, and the Graphic Narrative von Gabriele Ripple und Lukas Etter.

Terminologie; oder: erstmal abreagieren

Comics sind ein Medium. Ja, sie verbinden verschiedene Medien miteinander, nämlich Text und Bild, doch das macht sie nicht weniger zu einem Medium wie zum Beispiel Film. Manche Autoren scheinen ein Problem damit zu haben und wollen diesem Medium, so scheint es zumindest, wenn man sich Texte wie den von Ripple/Etter ansieht, ihren Status absprechen zu wollen. Als großer Verehrer dieses Mediums empfinde ich solche Texte als herabwürdigend. Oder um es mit den Worten von Horst Schlämmer zu sagen: Da bekomme ich Kreislauf und Schnappatmung.

Fangen wir mit der Terminologie an. Dazu ein kurzer Erfahrungsbericht: Das simple aber doch mittlerweile gut etablierte Wort “Comic” ist im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen und jeder weiß was damit gemeint ist. In Amerika war ist das Wort schon seit mindestens 70 Jahren allgemein verwendbar, in unseren Breiten haben wir dafür etwas länger gebraucht. Leider löst dieser Begriff jedoch meist seltsame Blicke aus, die teilweise sogar Mitgefühl ausstrahlen, so als hätte die Person, die den Begriff verwendet schon Schwierigkeiten Rezepte, geschweige denn komplette Bücher zu lesen. Wenn man nun davon berichtet, dass man Comics jetzt nicht nur aus versehen liest (man kann sich ja im Bücherregal ja mal vergreifen), sondern letztens ein spannendes Exemplar gelesen hat, das ein sozialkritisches Thema behandelt? Viel Glück dabei ernst genommen zu werden. Dies führe ich darauf zurück, dass der Begriff mit nichts anderem verbunden wird als Geschichten um Superhelden und Erzählungen, die sich mit simpler Terminologie primär an Kinder richtet. Doch damit schert man ein komplettes Medium über einen Kamm und spricht ihm quasi seine Existenz ab. Es wäre so als ob ich sagen würde jeder Film ist darauf begrenzt, möglichst gewaltige Explosionen darzustellen und Monster gegeneinander kämpfen zu lassen. Es mag durchaus sein, dass sich einige Filme bzw. auch Regisseure explizit mit dieser Richtung auseinandersetzen (I’m looking at you, Michael Bay), doch damit ignoriert man all die schönen Klassiker und moderne Filme, die das volle Potential des Mediums ausloten. Und selbst das oft mit Mitleid beäugte Superhelden-Genre ist nur ein Überbegriff für eine Vielzahl an faszinierenden Geschichten und Subgenres, die sich durchaus mit ernsten und aktuellen Themen auseinandersetzen. Sie müssen auch nicht immer an Kinder gerichtet sein.

Dies alles scheint auch auf die Autoren des heute besprochenen Textes zuzutreffen, da sie sich weigern den Begriff “Comic” in den Mund zu nehmen. Viel lieber ist ihnen “graphic narrative”, denn nicht einmal “graphic novel” scheint den intellektuellen Ansprüchen zu genügen. Dabei möchte ich auch festgehalten haben, dass Comics und Graphic Novels nicht unbedingt unterschiedliche Dinge meinen, so abgegrenzt sind diese nicht. Vielmehr handelt es sich um fließende Übergänge. Man kann durchaus die monatlich erscheinenden Hefte von Spider-Man, Superman und co. ebenfalls als Graphic Novel bezeichnen, doch hat es sich eingebürgert, erst ab den Collected Editions von eben solche zu sprechen. Allerdings: Comic bleibt Comic. Außerdem ist “graphic narrative” auch nur ein schlechter Ersatz für Will Eisners Definition: sequential art. Wie bereits Scott McCloud in Understanding Comics herausgefunden hat, ist “sequential art” wohl die beste Umschreibung für Comics, da sie alles beinhaltet, was man über sie wissen muss.

Weiter: Ein ganzes Kapitel wird der Frage zugewendet, ob es sich bei Comics um ein Genre oder ein Medium handelt. Hier wären wir dann auch wieder beim vorherigen Thema. Ich hatte das Gefühl, dass sich die Autoren hier nur rechtfertigen wollen, sich dem Thema überhaupt gewidmet zu haben und das es ja lediglich darum geht, die transmedialen Möglichkeiten von Comics, sorry, graphic narratives zu zeigen, andernfalls würde man sich diesen ja niemals nähern. Außerdem scheinen die Autoren nicht verstanden zu haben, dass ein Medium verschiedene Formate bzw. Ausprägungen annehmen kann. So gibt es im Bereich Film unter anderem Kurz-Filme, Stummfilme, etc. und im Medium des Buches oder der textuellen Erzählungen ebenfalls verschiedene Formate, wie zum Beispiel Novelle, Kurzgeschichte, Flash-Fiction usw. Genauso verhält es sich beim Comic. Comic-Strip, Graphic Novel, One-Shot, Web-Comic, ongoing series usw. sind teilweise zwar überlappend, bezeichnen jedoch auch nur verschiedene Formate desselben Mediums. Genre verstehe ich in dem Zusammenhang dann eher als die inhaltliche Ausprägung der Erzählung, die dann mit gewissen Erwartungen der Leser gefüttert ist, wie Science-Fiction oder das berühmt berüchtigte Superhelden-Genre.

Und nur nebenbei erwähnt: Wenn man sich schon um etwas streiten könnte, dann doch darum, ob es sich beim Manga um ein eigenes Medium handelt oder ebenfalls um eine Ausprägung des Comics.wqsa

Quadratische Räder

Was hat das alles mit Intertextualität zu tun? Leider weniger als ich gehofft hatte. An einer Stelle wäre es beinahe spannend geworden, als die Autoren die Frage aufwerfen:

”what are the central problems we face when adapting/transposing a graphic narrative to other media, and what are the medial idiosyncrasies of graphic narratives that pose challenges?” (S. 98)

Doch sie verweisen nur darauf, dass dazu mal etwas gemacht werden müsste und machen weiter mit ihrer intertextuellen Analyse von Comics. Doch keine Sorge, denn wer nun denkt sie würden dazu einen originellen Ansatz verwenden darf beruhigt aufatmen, stattdessen modifizieren sie Scott McClouds Einteilung, welche verschiedenen Erzählformen bzw. Mischformen Comics annehmen können und modifizieren diese unnötigerweise. Viel spannender hätte ich es gefunden, wenn sie sich mit der eben genannten Frage weiter beschäftigt hätten. Sie greifen nämlich bereits V for Vendetta auf und reden darüber, wie für die Verfilmung bestimmte Erzählstränge vereinfacht wurden. Welche? Wie? Warum? Wieso funktioniert es im Comic und was muss für eine Verfilmung geändert werden? Dies wären spannende Fragen, die ich in einer intertextuellen Analyse beantwortet haben möchte. Aber dann schweifen sie ab und gehen stattdessen auf die erwähnten “combination types” ein.

Eine weitere interessante Frage oder besser ein Ansatz, den sie relativ am Anfang erwähnen: “either the verbal or the visual element dominates the graphic narrative.” (S. 98). Man könnte hier auf die geschichtliche Entwicklung des Mediums an sich eingehen, wie ich es zum Beispiel in meiner Kolumne “Everything X-Men” mache, die man entweder auf der Projekteigenen Website oder auf roguesportal.com lesen kann. Darin habe ich unter anderem festgehalten, dass es in den frühen Tagen der X-Men üblich war, dass sich Text und Bild überschneidet haben. Es wurde also vom Erzähler wiedergegeben, was im Panel zu sehen war. Manchmal natürlich mit zusätzlichen Informationen. Später hat sich dies geändert und besonders Chris Claremont hat es verstanden, dass sich Text und Bild ergänzt haben, sodass ein größeres Ganzes entsteht. Darüber hinaus hat sich seit den 1960er Jahren (wo die ersten X-Men Comics das Licht der Welt erblickten) einiges am Panel-Design selbst getan. Man verlässt sich auch viel mehr auf die Bildsprache und zwängt nicht unnötige Dialoge oder Narrative ins Bild. Die Leserin ist eingeladen sich selbst Gedanken zu machen.

Endlose Möglichkeiten

Wer einen Text lesen möchte, bei dem klar wird, welche Möglichkeiten in Comics stecken, dem empfehle ich Henry Jenkins Interview mit Nick Sousanis. Dessen Buch Unflattening steht sehr weit oben auf meiner Liste zu lesender Bücher. Bereits in dem Interview erweckt Sousanis den Eindruck, als stünde das Medium Comic noch in den Kinderschuhen, dessen wahren Potentiale erst noch entdeckt werden müssten. Außerdem untermauert er meine Haltung, dass Comics den Ruf haben, einfach und verständlich zu sein, immerhin sind es doch nur Bilder. Doch mit Bildern lassen sich komplexe Inhalte transportieren. Dies hat auch Sousanis festgestellt, als ihn Bilder erreichten, wie Kinder seine Dissertation (Die er im Comic-Format erzählt) lesen. Sie mögen zwar das notwendige Vokabular noch nicht aufweisen, doch die Bilder können sie sehr wohl “lesen”. Es ist faszinierend wenn er über seinen Prozess spricht und wie er sich immer wieder die Frage gestellt hat: “What does the idea feel like?”

In dem Artikel von Ripple/Etter scheint es immer darum zu gehen, Bild und Text getrennt zu betrachten, doch im Comic sind diese untrennbar miteinander verbunden. Sousanis verwendet hier hervorragend das Beispiel Museum: Denn die beiden Formate gehen nicht wie in Museen getrennte Wege (man muss ein Medium verlassen, um das andere zu erreichen) sondern arbeiten eng zusammen. Dabei spielt auch eine zentrale Rolle in welchem Font die Worte präsentiert werden. Oder werden die Worte gezeichnet? Sind sie überhaupt in einer separaten Box auf der Seite?

Oder wie steht es überhaupt mit dem Lesen von Comics. Meist sind diese so aufbereitet, dass man sie in den traditionellen Richtungen (von Links nach Rechts und von Oben nach Unten bzw. umgekehrt, je nach kulturellen Hintergrund) “abarbeitet”. Doch Comics, die Visuelles und Textuelles miteinander verbinden, genießen die Freiheit Geschichten und Informationen auf jeder erdenkliche Weise präsentieren zu können. Dazu stellt er den Begriff “flippability” von Kent Worcester vor: In gedruckten Comics gibt es immer die Möglichkeit in der Geschichte nach hinten zu springen und einfach eine bestimme Stelle zu finden, da Bilder sehr stark in Erinnerung bleiben. Diesen Effekt machen sich manche zunutze, indem sie ähnliche Bilder von zum Beispiel demselben Raum verwenden, ihn sogar aus demselben Blickwinkel zeigen, um es für den Leser einfach zu machen, sie zu vergleichen und so Veränderung im Laufe der Zeit einfach und effektiv darzustellen, ohne auch nur ein einziges Wort zu benötigen. Dies macht, so Sousanis, DAvid Mazzucchelli in Asterios Polyp besonders anschaulich.

Es gibt also sehr wohl intermediale Phänomene oder Techniken in Comics die man sich ansehen und genauer unter die Lupe nehmen kann. Doch Grundsatzdiskussionen über Terminologie oder Bezeichnungen anderer aufgreifen und leicht anpassen, nur damit man selbst einen Artikel schreiben kann, finde ich dann doch etwas überflüssig. Wie gesagt stecken durchaus spannende Ideen im Artikel von Ripple/Etter, der Fokus ist meiner Meinung nach jedoch ein falscher.

%d bloggers like this: